Entstehung der Anschlussbahn zum NVA-Objekt Schwarzenpfost
Die Anschlussbahn zum NVA-Objekt Schwarzenpfost wurde nach den bisherigen Überlieferungen in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre errichtet. Ein genaues Bau- oder Inbetriebnahmedatum ließ sich bislang allerdings nicht zweifelsfrei nachweisen. Der Anschluss ist nicht mit dem gleichnamigen Haltepunkt Schwarzenpfost zu verwechseln. Die militärischen Anlagen lagen knapp 500 Meter südlich des eigentlichen Ortes und der Bahnstrecke.
Die Anschlussbahn diente der Versorgung eines abgeschirmten militärischen Objekts der Volksmarine. Das Gelände wurde zunächst von Vorgängereinheiten genutzt und ab Ende der 1970er Jahre erheblich erweitert. Später war hier das Küstenraketenregiment 18 der Nationalen Volksarmee stationiert. Schwarzenpfost war damit kein klassischer Truppenübungsplatz, sondern vor allem ein Unterkunfts-, Ausbildungs-, Wartungs- und Lagerstandort der mobilen Küstenraketentruppen. Zuletzt verfügte das Regiment über zehn selbstfahrende Startrampen des Küstenraketenkomplexes „Rubesch“. Jede Startrampe war mit zwei Flugkörpern der Typen P-21 beziehungsweise P-22 ausgerüstet. Aufgabe der Einheit war es, im Ernstfall aus wechselnden Stellungsräumen entlang der Ostseeküste gegnerische Schiffe zu bekämpfen. Die Raketen wurden daher nicht unmittelbar aus Schwarzenpfost abgefeuert. Das Objekt diente vielmehr als Heimat- und Versorgungsstandort der mobilen Einheiten.
Die Bauarbeiten für die Anschlussbahn wurden nach Berichten früherer Eisenbahner und Anwohner wegen der militärischen Geheimhaltung zu einem großen Teil in den Nachtstunden ausgeführt. Das Baumaterial wurde teilweise in Gelbensande, teilweise aber auch unmittelbar am Haltepunkt Schwarzenpfost entladen. Der Haltepunkt selbst besaß zwar keine regulären Güterverkehrsanlagen, während der Bauarbeiten wurden offenbar dennoch besondere Entlademöglichkeiten genutzt.
Für den Aufbau waren vor allem Bausoldaten der NVA eingesetzt. Diese befanden sich entweder bereits vor Ort oder wurden mit Personenzügen bis zum Haltepunkt Schwarzenpfost gebracht. Nach örtlichen Überlieferungen sollen auch Angehörige der sowjetischen Streitkräfte beim Aufbau geholfen haben. Eine unabhängige Bestätigung dafür ließ sich bislang jedoch nicht finden.
Streckenverlauf und Gleisanlagen
Die Anschlussbahn zweigte westlich des Bahnhofs Gelbensande ab und verlief südlich parallel zur Bahnstrecke Rostock-Stralsund durch den Wald bis nach Schwarzenpfost. Einen Gleisplan des Anschlusses finden Sie auf dem Gleisplan des Bahnhofs Gelbensande. Der Anschluss verfügte über einen zweigleisigen Abschnitt, der dem Lokumlauf diente. Die aus Gelbensande kommenden Güterzüge wurden zunächst in diesen Bereich gefahren. Anschließend setzte die Lok über das zweite Gleis um und drückte die Wagen in Richtung der Laderampe. Der letzte Abschnitt war wieder eingleisig ausgeführt. An der großen Laderampe im militärischen Objekt endeten schließlich die Gleise.
Kurios war, dass der außerhalb des eigentlichen Militärgeländes verlaufende Teil der Anschlussbahn offenbar nicht durchgehend gesondert eingezäunt war. Bereits zu DDR-Zeiten konnte man deshalb zumindest theoretisch ohne größere Hindernisse bis an die Gleise gelangen. Entlang der Strecke standen allerdings Schilder, die das Betreten ausdrücklich untersagten. Ein Betreten der Anlagen wäre angesichts ihrer militärischen Bedeutung sicherlich auch nicht ratsam gewesen. Erst der eigentliche Objektbereich war entsprechend abgesichert und streng bewacht.
Einen Gleisplan vom Anschluss finden Sie auf dem Gleisplan vom Bahnhof Gelbensande.
Betrieb unter Geheimhaltung
Über die Anschlussbahn wurden hauptsächlich Versorgungs-, Material- und Techniktransporte durchgeführt. Dazu gehörten neben allgemeinem Nachschub auch militärische Fahrzeuge, Ausrüstung und Betriebsstoffe. Im Oktober 1980 trafen beispielsweise die ersten beiden selbstfahrenden Startrampen für die Küstenraketentruppen mit der Eisenbahn ein. Für den Transport waren die Fahrzeuge teilweise zerlegt worden und wurden unter strenger Geheimhaltung über die Anschlussbahn in das Objekt gebracht. Ob der Anschluss zeitweise auch für den Abtransport von Holz oder anderen forstwirtschaftlichen Erzeugnissen genutzt wurde, ließ sich bislang nicht klären. Eine solche Nutzung erscheint aufgrund der Lage im Wald zwar grundsätzlich denkbar, ist bisher aber nicht belegt.
Der Verkehr auf dem Anschlussgleis wurde nach den Erinnerungen eines früheren Fahrdienstleiters in Gelbensande unter großer Geheimhaltung durchgeführt. Die Güterzüge wurden in den betrieblichen Unterlagen beziehungsweise in den für einen größeren Personenkreis sichtbaren Angaben offiziell nur bis Gelbensande geführt. Der weitere Lauf über die Anschlussbahn nach Schwarzenpfost wurde offenbar nur einem begrenzten Kreis bekannt gemacht. Neben dem Fahrdienstleiter mussten natürlich auch die unmittelbar an den jeweiligen Fahrten beteiligten Lok- und Rangierpersonale eingeweiht sein.
Für die Einwohner von Gelbensande war die Existenz des Gleises allerdings kaum ein Geheimnis. Die Strecke zweigte offen sichtbar vom Bahnhof ab und verschwand anschließend im Wald. Mir selbst wurde als Kind dennoch immer wieder eingeschärft, dass ich über dieses Gleis den Mund zu halten habe. Auch nach der politischen Wende wurde die tatsächliche Bedeutung des Anschlusses gegenüber jüngeren Eisenbahnern gelegentlich noch verschleiert. So wurde ihnen mitunter erzählt, das Gleis führe in eines der Jagdreviere von Erich Honecker. Tatsächlich wurde der Wald rund um Schwarzenpfost und Hinrichshagen militärisch genutzt. Wenn sich die Staatsführung zu Jagden in der Rostocker Heide aufhielt, endeten die dafür eingesetzten Sonderzüge in der Regel im Bahnhof Gelbensande. Mit der Anschlussbahn nach Schwarzenpfost hatten diese Fahrten nichts zu tun.
Ende der militärischen Nutzung
Mit dem Ende der DDR verlor das Küstenraketenregiment bereits im Jahr 1990 seine militärische Aufgabe. Verbliebene Teile der Einheit wurden zunächst durch die Bundesmarine übernommen und schließlich zum 31. März 1991 aufgelöst. Ein Nachkommando blieb anschließend noch einige Zeit mit der Beräumung, Übergabe und Abwicklung des Standorts beschäftigt.
Die noch vorhandene Technik und Ausrüstung wurde auf dem Straßenweg oder mit der Eisenbahn abgefahren. Dies dürften zugleich die letzten größeren Verladetätigkeiten auf der Anschlussbahn gewesen sein. Der eigentliche Militärstandort wurde in den folgenden Jahren schrittweise zurückgebaut. Einige der großen Hallen nutzte zeitweise noch die Forst, um Fahrzeuge unterzustellen oder Pflanzgut zu lagern.
Später wurden große Teile des rund 45 Hektar umfassenden Geländes beräumt, befestigte Flächen zurückgebaut oder entsiegelt und weite Bereiche aufgeforstet. Um das Jahr 2000 war der Rückbau des eigentlichen Objekts im Wesentlichen abgeschlossen. Einzelne erhaltene Bunkeranlagen sollen gesichert und teilweise als Quartiere für Fledermäuse hergerichtet worden sein. Heute ist das Gelände wieder weitgehend vom Wald eingenommen. Nur vereinzelte bauliche Reste erinnern noch an die jahrzehntelange militärische Nutzung.
Abgestellte Güterwagen und Rückbau der Gleise
Die Eisenbahn benötigte die Anschlussbahn zum NVA-Objekt Schwarzenpfost nach dem Ende der militärischen Nutzung zunächst weiterhin zum Abstellen alter, schadhafter oder nicht mehr benötigter Güterwagen. Über viele Jahre standen hier Schrott- und Schadwagen, die auf dem übrigen Streckennetz offenbar nicht mehr gebraucht wurden. Ich selbst erinnere mich noch gut daran, dass die verwaisten Gleisanlagen und die abgestellten Wagen für uns Kinder einen ausgesprochen spannenden, wenn auch sicherlich nicht ganz ungefährlichen Abenteuerspielplatz darstellten. Wir spielten damals selbst auf den Gleisen und an den Wagen. Schon deshalb kann ein Rückbau der Anschlussbahn unmittelbar nach 1990 ausgeschlossen werden.
Noch mindestens bis zum Jahr 2000 lagen die Gleise vollständig. Mitte der 1990er Jahre wurden die abgestellten Wagen nach und nach abgefahren; die Anschlussbahn blieb danach jedoch zunächst verwaist liegen. Erst im Jahr 2003 wurden die Gleisanlagen schließlich demontiert. Pauschale Angaben, nach denen die Bahnanbindung bereits ab 1990 vollständig zurückgebaut worden sei, verwechseln offenbar das Ende der militärischen Nutzung mit dem wesentlich späteren Ausbau der Eisenbahnanlagen.
Heutige Spuren der Anschlussbahn zum NVA-Objekt Schwarzenpfost
Nach dem Ausbau der Gleise wurde der Bahndamm in weiten Teilen abgetragen oder eingeebnet. Anschließend pflanzte man auf Teilen des früheren Planums Bäume. Durch Aufforstung, natürlichen Bewuchs und zunehmende Vernässung ist der ehemalige Streckenverlauf heute vielerorts nur noch schwer zu erkennen.
Die große Laderampe in Schwarzenpfost ist jedoch bis heute erhalten geblieben. Zahlreiche beim Rückbau abgelegte Betonschwellen liegen ebenfalls weiterhin in diesem Bereich. Daneben erinnern einzelne umgelegte Lampenmasten, ein Wasserdurchlass, Reste des Bahndamms sowie ein früherer Streckenfernsprecher beziehungsweise dessen Standort an die ehemalige Anschlussbahn. Bereits im Jahr 2015 war das frühere Gleisplanum in mehreren Bereichen stark versumpft und kaum noch begehbar. Inzwischen hat sich die Natur große Teile der Trasse vollständig zurückgeholt. Wer den Verlauf nicht kennt, dürfte heute vielerorts kaum noch erkennen, dass hier einst regelmäßig Güterzüge zu einem der geheimsten militärischen Standorte der Region fuhren.
Galerie
An dieser Stelle finden Sie das Bildmaterial vom Anschluss Schwarzenpfost. Die Bilder beschreiben die Situation zwischen den Jahren 2004 bis 2009. Geordnet sind die Bilder entsprechend dem Streckenverlauf von der Laderampe in Schwarzenpfost bis zur Einfahrt in den Bahnhof Gelbensande. Wenn Sie weitere Bilder zur Verfügung stellen wollen, würde ich mich darüber sehr freuen. Nutzen Sie dazu einfach das Kontaktformular.
Quellen und Hinweise
Zeitzeugenbericht eines früheren Fahrdienstleiters in Gelbensande
Eigene Erinnerungen, Ortskenntnisse und Fotografien
Bundesarchiv / Archivportal-D: Bestand Küstenraketenregiment 18
Küstenraketen.de: Geschichte des Küstenraketenregiments 18 und des Objekts Schwarzenpfost
Weitere örtliche und militärhistorische Überlieferungen